MutterKutter
vor 3 Tagen
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Hochsensibilität

Mein Kind hat viele Gefühle: Es ist sehr emotional, ständig kratzen die Klamotten oder alles ist „viel zu laut“. Ist es nun hochsensibel? Was ist das eigentlich genau? Diplom-Psychologin Annika Rötters beantwortet wichtige Fragen zum Thema. Und unsere MutterKutter-Autorinnen Dorothee Dahinden und Kerstin Lüking erzählen, warum Sätze, wie „Stell dich doch nicht so an!“ das Selbstbild negativ beeinflussen können.


„Die Kinder wissen morgens schon, wie ich wirklich drauf bin. Und zwar, bevor ich es selbst weiss!“ – Worte eines Kita-Erziehers, die bis heute in mir, Doro, nachhallen. Ein Mann, der bei mir Eindruck hinterlassen hat. Weil er seine „Krippis“ irre gut kannte. Und zwar so gut, dass ich ihn irgendwann während der Eingewöhnung meines Kindes gefragt habe, ob sein drittes Auge zufälligerweise „hinten zwischen seinen Schulterblättern“ sitzen würde. Denn, ehrlich: Er wusste immer, was hinter ihm passierte. Dafür musste er sich nicht einmal umdrehen, um zu checken, ob er Recht hatte. Der Kieler hatte einfach wahnsinnig feine Antennen für die Krippenkinder. Und sie liebten ihn. Kein Wunder. Ich hatte immer den Eindruck: Die Kinder können ihm direkt ins Herz gucken. Ihnen wurde auf Augenhöhe begegnet und dazu wurden sie – und das ist ein entscheidender Punkt für mich – in ihren Gefühlen absolut ernst genommen.


„Stell dich doch nicht so an!“ – Worte, die negativ nachhallen


Mir wurde damals klar, dass mir das in meiner Kindheit, Jugend und auch als junger erwachsener Mensch (ich spreche explizit nicht von meinen Eltern) oft gefehlt hat. Ich habe im Laufe meines Lebens immer mal wieder gehört: „Sei doch nicht so empfindlich!“, „Stell dich doch nicht so an, Doro“ oder „Lass das doch nicht wieder so nah an dich ran.“ Ich bin ein sehr fühlender Mensch, konnte die Stimmungslagen meiner Mitmenschen schon als Kind gut herausfiltern. Besonders dann, wenn jemand nicht ehrlich war. Meine Gefühle selbst konnten schon immer gut Achterbahn fahren, viele Loopings inklusive. Weil mir immer mal wieder gesagt wurde, dass ich „mich nicht so anstellen“ solle, hatte ich irgendwann das Gefühl, dass ich in einigen Punkten „anders“, ja, „nicht normal“ bin. Eine Zeitlang habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht sogar merkwürdig bin. Worte und Bewertungen von anderen – die machen was mit uns. Schon in frühester Kindheit.


Hochsensibilität – Wissen ist wertvoll


Worte, wie „du bist viel zu emotional“ oder „Heulsuse“, was ich wirklich übel finde, degradieren Kinder nicht nur, sie beschneiden in ihren Gefühlen und kratzen an ihrem Selbstwert. Je öfter, desto mehr brennt es sich ein. Vor ein paar Jahren ist mir das Wort „Hochsensibilität“ das erste Mal über den Weg gelaufen. Erst da habe ich so richtig begriffen, was so in mir los ist. Ich konnte noch mehr Eigenschaften, wie die Geräusch- und Schmerzempfindlichkeit oder meinen ausgeprägten Geruchssinn, der manchmal so weit geht, dass ich fast spucken könnte, wenn ich jemanden nicht riechen kann, annehmen. Nun laufe ich nicht mit einem „Hallo, entschuldigen Sie bitte, ich bin hochsensibel – gehen Sie bitte aus dem Weg“-Schild als Entschuldigung durch den Supermarkt. Aber ich glaube doch, dass das Wissen darüber für viele fühlende Menschen oder Eltern von Kindern, die wahnsinnig viel fühlen, hilfreich sein kann. Kurz vorab: Das ist keine Erkrankung und keine Diagnose, aber vielleicht ein wertvolles Tool für den Familienalltag mit Menschen, die Unverständnis gegenüber Ihren Kindern oder Ihnen selbst zeigen. Denn leider ist nicht jeder Mensch so, wie der Erzieher von damals (und die vielen tollen Erzieher*innen heute).

Für dieses Thema haben wir unsere MutterKutter-Diplom-Psychologin Annika Rötters an Bord geholt. Annika gibt Ihnen nun einen Einblick in dieses wirklich spannende Thema.

Annika Rötters

Annika Rötters, Psychologin (© Michelle Rötters)


Hochsensibilität: was ist das eigentlich genau?


Liebe Annika, bitte erkläre uns doch mal: Was heisst hochsensibel eigentlich genau? Wer hat den Begriff geprägt und warum?

Der Begriff der Hochsensibilität, der hochsensiblen Persönlichkeit oder kurz HSP wurde 1996 durch die amerikanische Psychologin Dr. Elaine Aron eingeführt. Es geht dabei um Menschen, die Reize intensiver wahrnehmen und anders (manche sagen tiefer) verarbeiten als die meisten anderen Menschen. Es handelt sich um ein multidimensionales Konstrukt, also ein Konstrukt, was mehrere Dimensionen des menschlichen Erlebens und Verhaltens umfasst. In der Forschung liegt der Fokus darauf, wie gut das Konstrukt tatsächlich vorhandene Unterschiede erklärt – und die aktuellen Befunde lassen durchaus Raum für Diskussionen. Im populärwissenschaftlichen Raum erfreut sich das Konstrukt auch trotz fehlender empirischer Nachweise grosser Beliebtheit. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung empfindet sich als hoch sensibel.

Das ist ja keine Diagnose, oder…? Was ist es Hochsensibilität genau?

Genau, das ist keine Diagnose – und das sollte es auch nie sein. Nach Aron nehmen Hochsensible ihre Aussenwelt besonders genau wahr. Dazu zählen zum Beispiel Geräusche, Geschmäcker, Gerüche, taktile Reize aber auch etwa die Stimmung anderer Menschen. Auch innere Zustände wie Hunger oder Schmerzen sollen hoch sensible Menschen stärker spüren. Aufgrund dieser stärkeren, intensiveren Wahrnehmung können hochsensible Menschen leichter überreizen oder von Reizen regelrecht überwältigt werden, weshalb sie dann auch besonders intensiv reagieren (das kann eine Reaktion nach innen oder nach aussen – positiv oder negativ sein).


Das Konstrukt hilft vielen Menschen.


Wir merken schnell, mit präziser, wissenschaftlicher Formulierung haben diese Beschreibungen wenig zu tun – und gleichzeitig haben rund 20 Prozent der Bevölkerung beim Lesen solcher Beschreibungen das Gefühl „ja, genau so bin ich!“ – oft gefolgt vom Nachsatz „..und keiner versteht mich…“. Und genau hier liegt in meinen Augen eine grosse Stärke dieses Konstruktes: Auch wenn das Modell wissenschaftlich eher unscharf ist, ist es durchaus gut geeignet, um Menschen einen Zugang zum Arbeiten mit ihrem eigenen Erleben zu geben.

Wir haben den Eindruck: Inzwischen ist das Wort „hochsensibel“ überall in den Medien zu lesen. Aber trifft es wirklich auf so viele Erwachsene bzw. Kinder zu? Oder andersrum: Wie viele Menschen sind hochsensibel?

Tja, das ist schwer zu sagen. Der offizielle Test von Dr. Aron ist ein Selbsttest – er enthält 27 Fragen, wie zum Beispiel diese: „Beeinflussen dich die Stimmungen anderer Menschen? Erschrickst du dich leicht? Nimmst du Feinheiten in deiner Umgebung wahr? Hast du ein reiches, komplexes Innenleben?“ Wenn ein Mensch also glaubt, hochsensibel zu sein, wird er es im Test höchstwahrscheinlich auch sein – und das gilt für rund 20 Prozent der Menschheit. Was genau das allerdings bedeutet – also, ob das subjektive Erleben dieser 20 Prozent tatsächlich vollständig von dem anderer Menschen abweicht, oder sogar ein grundsätzlicher Unterschied in Wahrnehmung und Reizverarbeitung besteht, ist derzeit nicht erwiesen.


Hochsensibilität: Viele Fragen sind noch offen.


Es gibt Forschungsprogramme, die sich mit der Erhebung von Hochsensibilität und dem Erstellen von neuen, unabhängigeren Tests befassen – Dr. Satow hat ganz aktuell 2022 einen Test veröffentlicht, der die drei Skalen „Leichte Erregbarkeit“, „Niedrige Wahrnehmungsschwelle“ und „hohe Empfindsamkeit“ misst – in anderen Veröffentlichungen werden als bedeutsame Aspekte der Hochsensibilität auch die „Affektstärke“ oder Aspekte wie „ästhetische Sensitivität“ genannt. Unter dem Aspekt, dass das Konstrukt „Hochsensibilität“ also in der Forschung noch gar nicht einheitlich klar abgegrenzt definiert ist, sind auch die Hinweise auf unterschiedliche Gehirnaktivität bei Normal- und Hochsensiblen, bzw. Hinweise auf eine neuronale Komponente in ihrer Aussagekraft kontrovers diskutiert. Gleichzeitig heisst das nicht, dass das Konstrukt als solches in der Fachwelt komplett angezweifelt wird – es sind einfach momentan noch viele offene Fragen, was Hochsensibilität angeht. Und gleichzeitig fühlt sich rund jeder fünfte Mensch angesprochen.

Sind heute mehr Menschen hochsensibel oder sprechen wir einfach mehr darüber?

Es gibt in der Literatur auch bereits vor 1996 Hinweise auf einen Teil der Bevölkerung von rund 15-20 Prozent Menschen, die „anders“ neuronal auf Reize reagieren. Je nach theoretischem Konstrukt geht es dabei um Temperamentsunterschiede bei Kindern (weswegen Hochsensibilität und Gefühlsstärke oft gemeinsam genannt werden), Persönlichkeitsmerkmale oder Verhaltensauffälligkeiten.

Was das Konstrukt der Hochsensibilität jedoch von vielen anderen Ansätzen unterscheidet ist, dass es nicht mit dem pathologischen Blick auf Besonderheiten blickt. Neulich las ich dazu einen Kommentar des heute emeritierten Professors für Persönlichkeitspsychologie Jens Asendorpf, der in etwa lautete „Niemand ist gerne neurotisch, „hochsensibel“ klingt viel schöner!“ Und ich glaube, dass alleine diese Formulierung es vielleicht erst möglich gemacht hat, dass wir uns heute so offen über besondere Empfindsamkeit als mögliche Stärke unterhalten.


„Hochsensiblität ist keine Krankheit.“


Woran erkennen wir Eltern, dass unser Kind hochsensibel ist? Welche Eigenschaften hat es?

Wichtig ist, dass es keine Diagnose ist, Hochsensiblität ist keine Krankheit! Natürlich können Krankheiten im Zusammenhang mit einer erhöhten Empfindsamkeit auftreten, die dann wiederum behandlungsbedürftig sind. Das können zum Beispiel Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrome (ADS oder ADHS) sein, es können auch Angststörungen oder Depressionen auftreten. Wichtig ist gleichzeitig: Nicht jede*r hoch sensible Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an einer psychotherapeutisch/psychiatrisch relevanten Krankheit und nicht alle Menschen mit einer psychischen Diagnose sind hochsensibel. Hochsensibilität alleine ist kein Grund für eine Behandlung. Es kann gleichzeitig sinnvoll sein, mit Blick auf das Konstrukt individuell zu schauen, wie wir unseren Familienalltag besser auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder anpassen können – gerade wenn sich eines oder mehrere Familienmitglieder als hoch sensibel empfinden.


Hochsensibilität kann im Alltag viele Gesichter haben


Es macht auf jeden Fall Sinn, als Eltern genau zu schauen, wie es unseren Kindern geht – und Äusserungen der Kinder nicht abzutun, weil wir etwas anders empfinden. Der leichte Wolle-Seide-Body kann sich für uns butterweich anfühlen, und gleichzeitig unserem Kind kratzen. Die Musik kann für uns leise und für unser Kind laut sein. Ein Kindergeburtstag kann für acht Kinder wundervoll und für ein Kind im wahrsten Sinne des Wortes überwältigend sein. Und manche Eltern lesen vielleicht dies Sätze und denken „Ja. Alles. Hier.“ Dann kann es sehr sinnvoll zu sein, in der Arbeit mit der Familie auch das Konstrukt der Hochsensibilität als Erklärungs- und Verständnis-Grundlage hinzuzuziehen. Hochsensiblität kann im Alltag gleichzeitig viele Gesichter haben, es gibt genauso wenig „das hochsensible Kind“ wie es „den hochsensiblen Erwachsenen“ gibt.

Wie „klar“ ist denn die Abgrenzung zwischen den verschiedenen Persönlichkeiten unserer Kinder – also zwischen hochsensibel, schüchtern, wild, gefühlsstark? Oder sind das fliessende Übergänge und daher nicht so leicht abzugrenzen?

Das ist eine richtig gute Frage. In vielen Beschreibungen (auch von Aron selbst) wird Hochsensiblität mit Introversion in Verbindung gebracht – nach aktuellem Stand der Forschung gibt es allerdings auch Menschen, die eher extravertiert sind und gleichzeitig sensitiver als die meisten Menschen. Auch das Konstrukt der „Gefühlsstärke“ wird gerne im Zusammenhang mit Hochsensibilität genannt. Wir müssen hier unterscheiden zwischen einer empirischen Abgrenzung in der Forschung und einer Abgrenzung in der Alltagssprache – und hier stellen wir schnell fest: Dadurch, dass es schon im ersten Schritt an klar abgrenzbaren Definitionen fehlt, ist momentan beides schwierig.

In der Persönlichkeitspsychologie wird zur Beschreibung der Persönlichkeit meist das Big Five, oder seit ein paar Jahren auch zunehmend das Sechsfaktormodell der Persönlichkeit genutzt – die sechs Faktoren sind „Ehrlichkeit/Bescheidenheit; Emotionalität; Extraversion; Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit; Offenheit für neue Erfahrungen“.


Hochsensibel, gefühlsstark, schüchtern, wild – Schwarz-Weiss funktioniert hier nicht!


Im Fokus der aktuellen HSP-Forschung steht die höhere sensorische Verarbeitungskapazität. „Schüchtern“ und „wild“ sind Beschreibungen, die aufgrund bestimmten Verhaltens von Kindern gegeben werden, das Verhalten kann mit unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängen. Das Konstrukt der Gefühlsstärke (dessen Begriff die Autorin Nora Imlau in der deutschen Fachsprache – nach dem amerikanischen Begriff „spirited children“ – eingeführt hat), umfasst wieder ein anderes Spektrum: Hierbei steht zwar auch das besonders intensive Erleben von Emotionen im Vordergrund, gleichzeitig wird das „spirited child“ auch mit mehreren Faktoren beschrieben, die E. Aaron sogar als Ausschlusskriterien für eine hochsensible Persönlichkeit beschreibt. Es gibt also (nach aktuellem Stand der Forschung höchstwahrscheinlich) eine Schnittmenge hochsensibler Personen und gefühlsstarker Personen, von denen manche als „schüchtern“ und andere als „wild“ (und wiederum andere als „mal so mal so“) beschrieben werden können – gleichzeitig können wir weder sagen, dass „alle Hochsensiblen gefühlsstark“ wären, noch, dass „alle Gefühlsstarken hochsensibel“ sind.


KindKopfhoerer

Wie sollten wir den Alltag für hochsensible Kinder gestalten? Was brauchen diese Kinder, um sich wohlzufühlen und was nicht?

Das kommt ganz aufs Kind an. Auch alle Menschen, die sich als hochsensibel bezeichnen, sind nicht gleich – und je nachdem, wie ein Kind seine Umwelt empfindet, dürfen wir hier gemeinsam schauen, wie wir uns als Familie das Leben für alle so angenehm wie möglich gestalten können. Wenn die Wolle kratzt, darf gemeinsam nach einem nicht-kratzigen Pulli gesucht werden. Wenn Geräusche schnell zu viel werden, kann es sinnvoll sein „Stille Inseln“ einzubauen – zum Beispiel auch über Schallschutz-Kopfhörer.


„Kein Kind verweigert irgendwas, allein um seine Eltern zu ärgern.“


Wenn das Geschmackserleben explodiert, können Kinder mit Komponenten-Essen (also alles einzeln auf den Tisch, Kind entscheidet, was es wovon nimmt, und ob die Sauce die Kartoffeln berühren darf) selbst experimentieren, wie viel Geschmack sich gut anfühlt, und und und… Wichtig ist erstmal die Grundüberzeugung: Kein Kind verweigert irgendwas, allein um seine Eltern zu ärgern. Und wenn wir jetzt gemeinsam als Familie in den Lösungsmodus kommen, können wir gemeinsame Strategien finden, dass wir uns alle im Alltag wohl(er) fühlen.

Sollten wir auch Erzieherinnen und Lehrerinnen einbinden, wenn unser Kind hochsensibel ist, eben damit alle entsprechend reagieren können?

Das kommt darauf an. Es gibt durchaus hochsensible Menschen, auch Kinder, die eigenständig Bewältigungsstrategien finden und eine angenehme Schulzeit erleben – völlig ohne extra Zutun der Erwachsenen. Und dann gibt es Kinder, die ecken an. Wenn ein Kind aneckt, kann es sehr sinnvoll sein, wenn Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen eng zusammenarbeiten – für das Kind und mit dem Kind. Sobald andere Menschen beteiligt sind (auch andere Kinder), kann ein einzelner überreizter Mensch ja durchaus auch den Rest der Gruppendynamik so stören, dass es allen schadet. Hier darf durchaus gemeinsam eine gute Lösung gefunden werden.


Es braucht individuelle Lösungen für die Kinder


Im Alltag erlebe ich oft Sorgen folgender Art: „Aber wenn wir dem XY jetzt immer seinen Willen lassen, dann lernt der das doch nie – der kann doch nicht immer eine Extrawurst kriegen“ – und genau darum sollte es auch nicht gehen. Wenn wir Hochsensibilität nicht als Abgrenzung verwenden („der ist halt anders“), sondern als liebevollen Hinweis: Hier brauchen wir vielleicht eine andere Perspektive – dann können gerade individuelle Einzelfall-Lösungen stärkend für die ganze Gemeinschaft sein. Ich denke da gerade an ein Beispiel eines Kindes, was in der Grundschule ab der dritten Stunde starke Konzentrationsprobleme bekam und den Unterricht massiv gestört hat. Dieses Kind bekam für stille Arbeitsphasen einen Schallschutz-Kopfhörer. Die Klasse hat insgesamt sogar mehrere angeschafft, falls weitere Kinder auch Kopfhörer wollen oder brauchen sollten – sowohl der von Lehrerinnen befürchtete „Run auf die Kopfhörer“ als auch die durch Eltern prognostizierte Ausgrenzung des Kindes traten dann nicht ein. Allen Kindern war klar: „Der braucht das. Ich nicht. Also macht er das. Ich nicht.“* Und auf die Frage, was die Schallschutz-Kopfhörer im Klassenraum machen, hörte ich eines der Kinder einfach erklären: „Die sind für Kinder, wenn es in Stillarbeit zu laut wird. Dann können wir die anziehen“.

Und warum sind Sätze, wie „Lass dir mal ein dickeres Fell wachsen“, „Jetzt zieh doch mal den Teflon-Anzug an und sei stark“ oder „Sei doch nicht so mimosig“ nicht nur erniedrigend, sondern auch kontraproduktiv?

Solche Sätze beinhalten die Grundüberzeugung, dass mit dem Kind irgendetwas nicht stimmt, so wie es ist. Es ist entweder nicht vollständig („lass dir mal was wachsen, das fehlt“), oder zu wenig („dann zieh halt den Teflon-Anzug drüber“*) oder beleuchten nur eindimensional, was mehrere Aspekte hat. Ein Kind, was sehr empfindsam und schnell ängstlich ist, ist wahrscheinlich auch in anderen Aspekten sensibler – auch wenn durchaus in Frage gestellt werden darf, ob das auf allen Sinnesorganen gleichermassen erhöht sein muss, um als hochsensibel zu gelten.


„Das Kind ist gut so, wie es ist.“


Letztlich sind solche Sätze ja auch nur Ausdruck der Hilflosigkeit der Erwachsenen, die sich in einer Situation befinden, mit der sie so nicht gerechnet haben und daher den Parameter ändern wollen, der sich am leichtesten beeinflussen lässt, weil er in völliger Abhängigkeit zu seinen erwachsenen Bezugspersonen steht: dem Kind. Und das ist kontraproduktiv – denn das Kind ist gut so, wie es ist und braucht tragfähige Beziehungen, in denen es lernen kann, wie es – so, wie es ist – ein erfülltes Leben leben kann.

Wozu rätst du Eltern, die ein Kind haben, das hochsensibel ist?

Was ich allen Eltern rate: Hört auf eure Kinder. Vergleicht euch nicht mit anderen. Vergleicht eure Kinder nicht mit anderen Kindern. Findet die Wege, die genau für euch passen. Vernetzt euch mit anderen Eltern, die ähnliche Herausforderungen meistern oder gemeistert haben – auch wenn ihr eure ganz eigene individuelle Geschichte schreibt, gibt es manchmal Perspektiven und Ideen, auf die man selbst nicht kommt, wenn man mittendrin steckt.


„Manchmal kann eine Diagnose hilfreich sein.“


Und last but not least: Lasst euch von niemandem auf der Welt einreden, mit eurem Kind „stimme etwas nicht“. Hochsensibilität ist keine Krankheit und eurem Kind fehlt nichts, ausser vielleicht noch ein paar Strategien, besser mit den eigenen Besonderheiten umzugehen und diese als Stärke einzusetzen. Euer Kind ist genau richtig – genau so, wie es ist. Das gilt übrigens natürlich auch für Kinder mit expliziten weiteren Diagnosen. Zögert bitte auch nicht, hier in die Abklärung zu gehen mit Fach-Expert*innen eures Vertrauens, wenn der Verdacht besteht. Manchmal kann eine Diagnose hilfreich sein. Besonderheiten kommen vielleicht mit besonderen Bedürfnissen – und das ändert absolut nichts an der Tatsache, dass eure Kinder genau richtig sind, so wie sie sind.

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KerstinLueking

Kerstin Lüking, Hebamme und Expertin von MutterKutter (© Anne Seliger)


Das, was Doro in ihrem einleitenden Text beschreibt, trifft auch auf mich, Kerstin, zu. Wir haben beide bis heute noch die Eigenschaft, zwischenmenschliche “Schwingungen“ sehr viel stärker wahrzunehmen. Manchmal ist das ein Segen, weil es einem hilft, Menschen schneller zu entschlüsseln. Gerade in Hinblick auf berufliche Aktivitäten kann das sehr gut sein, da es einem besser gelingt, eine Entscheidung zu treffen. Macht man den Job oder lässt man es besser sein, weil sich eben genau diese Schwingungen nicht gut anfühlen, die den potentiellen Auftraggeber betreffen. Manchmal ist es aber auch ein Fluch, weil wir uns vor lauter Schwingungen manchmal ganz schön selbst im Weg stehen.

Auch die “Augen auf dem Rücken“ des Kita-Erziehers kommen mir bekannt vor. Ein Phänomen, das ich aus dem Klinik-Alltag nur zu gut kenne. Dreht man sich mit dem Rücken zu Kolleg*innen, weiss man ganz genau, was hinter einem passiert. Das dritte Auge sieht das Getuschel, das Augenrollen und die Handzeichen. Immer!


Antennen über hunderte Kilometer hinweg!


Spannend sind auch die Korrespondenzen zwischen Doro und mir, die sehr häufig mit solche Sätzen beginnen, wie: „Geht es dir gut? Ich spüre, dass da etwas ist.“ In der Regel ist auch etwas Wahres dran. Wir haben einfach diese Antennen, die uns auch auf mehrere hunderte Kilometer Distanz merken lassen, dass bei der anderen etwas nicht im Lot ist. Gerne würden wir uns manchmal einfach mehr zurückziehen, zum Beispiel in ein kleines gemütliches Zelt. Mukkelig, geräuscharm und reizlos. Oder in die Hängematte legen und nur den Vögeln zuhören, mehr an Reizen wären schon zu viel. Auch das habe ich bei zwei meiner eigenen Kinder bemerkt, denen ich ebenfalls die Eigenschaft hochsensibel zuordnen würde.

Rückzugsorte schaffen, Höhlen bauen, sich mal eben von der Welt abschirmen und einfach nur träumen und in eine eigene Phantasiewelt abdriften zu dürfen, das ist für manche Kinder einfach eine Wohltat.