MutterKutter
vor einem Monat
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Selbstbewusstsein

Meine Mama geht nicht schwimmen. Sie findet sich selbst viel zu dick!“, sagte das kleine Mädchen damals furztrocken zu mir nach dem Baden. So, als ob es das Normalste der Welt sei, dass sich eine Frau – also ihre Mutter – aufgrund ihrer Figur nicht zeigen mag. Ich war erst einmal irritiert: "Hat sie das gerade wirklich gesagt? WOW! Was kriegen meine Kinder eigentlich von mir und meinen Gedanken über mich selbst mit? Ich habe doch selbst im Frühjahr bei meiner Freundin am Telefon fallen lassen, dass ich mich grad „zu fett“ fühlen würde und endlich wieder mit Sport loslegen müsste – haben sie das etwa gehört? Nee, sie waren gar nicht zuhause. Oh Gott, Doro!", ratterte es in mir… Dann habe ich ein Mal tief durchgeatmet, mich beruhigt und dem Mädchen geantwortet: „Deine Mama ist schön und richtig – genauso wie sie ist. Ich nehme sie einfach mal mit zum Baden. Deal?!

Milka Loff Fernandes im Gespräch mit Dorothee Dahinden und Kerstin Lüking von MutterKutter


Dieser Moment hallt bis heute in mir nach. Mir ist damals noch einmal klar geworden, dass ich verstärkt auf meine Wortwahl achten muss. Dass ich Worte, wie „ich fühle mich grad zu fett“ nicht einfach so hinrotzen kann – auch nicht bei meiner besten Freundin am Telefon. Auch nicht, wenn es sich gerade so anfühlt und ich mich in meiner eigenen Haut überhaupt nicht wohlfühle. Denn Worte haben nun einmal eine Macht. Sie geben dem Selbstwertgefühl voll eins auf die zwölf. Und je mehr ich so etwas sage bzw. denke, desto mehr glaube ich es auch. Ich habe mich gefragt: Wie soll ich meinen Kindern ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln, wenn ich doch selbst über meinen Körper meckere? Ich kann doch nicht auf der einen Seite diese Billig-Promi-Zeitschriften, die ständig in ekelhafter Manier über die Körper verschiedener Frauen lästern, aus dem Regal reissen wollen und auf der anderen Seite selbst so über mich sprechen. Ich habe mir damals fest vorgenommen, an mir und meinen Gefühlen zu arbeiten. Schritt für Schritt. Tag für Tag. Gedanke für Gedanke. Ich wollte unbedingt etwas verändern und habe ein Experiment gemacht. Ich habe mich vier Wochen lang jeden Tag für ein paar Minuten bewusst im Spiegel angeschaut. So nach dem Motto: Wer bin ich eigentlich? Wie sehe ich aus? Was mag ich an mir? Kann ich mich selbst „schön“ finden? Ich habe mich endlich wieder wahrgenommen – etwas, was mir gerade in den ersten Jahren als Mama abhandengekommen war. Ein Schulterblick morgens in den Badezimmerspiegel musste reichen. Ich konnte mir zwar selbst nicht so gut Komplimente machen, wie ich das eigentlich vorhatte. Ein „Du bist schön, Doro“, konnte ich höchstens lachend grunzen. Ich habe aber Tag für Tag gemerkt, dass ich mich selbst wieder mehr sehen und liebevoller annehmen konnte. Und als dann meine damals zweijährige Tochter zu mir sagte – Zitat: „Du bist eine schöne Mama. Du bist eine liebe Mama. Du bist eine Pupsi-Mama“ – wurde mir erstmal so richtig klar: Die echten Komplimente kommen von unseren Kindern. Und das von Herzen. Wir sollten öfter mal durch ihre Augen blicken und uns selbst liebevoll betrachten. Auch wenn das echt ein langer Weg sein kann. Wie wir den Weg der positiven Veränderung starten und lernen können, uns anzunehmen – das erklärt uns jetzt TV-Moderatorin und MutterKutter-Gastautorin Milka Loff Fernandes. Selbstwert – das ist ihr Herzensthema – darüber hat sie auch ihr Buch „#selbstwert – die Happiness-Connection“ geschrieben. Für uns ist Milka quasi die Botschafterin der guten Selbstwert-Gedanken.

Milka Loff Fernandes, TV-Moderatorin und Gastautorin bei MutterKutter (© Immo Fuchs)

Liebe Milka, du beschäftigst dich ja intensiv mit dem Thema "Selbstwert". Warum ist das dein Herzensanliegen und was ist deine Milka-Botschaft?

Das kam im Jahr 2019, als ich an Schulen in Deutschland zum Thema „Social Media und Selbstbild“ gesprochen habe. In den Gesprächen mit den Schüler*innen wurde offenbart, was seither auch in Studien belegt worden ist (z.B. Social Networking Site use and Self-Esteem: A Meta-Analytic Review by Zarah Valeri und Lilach Dahoah Halevi Okt. 2019): Kinder und Jugendliche, die ein niedrigeres Selbstwertgefühl haben, leiden eher unter dem Stress, der Social Media auf uns alle ausübt, als solche, die ein gesundes Selbstwertgefühl und (!) eine stabile persönliche Umgebung haben. Aus meiner persönlichen Lebenserfahrung weiss ich, dass sich das auch auf andere Bereiche unseres Lebens ausweiten lässt.

Folgerichtig sollte unser Hauptanliegen als Eltern sein, unseren Kindern (und Kindern überhaupt) zu vermitteln, wie sie es selbst schaffen können, ihren Selbstwert zu stärken. Das ist damit jedoch auch eine Aufforderung an uns selbst. Denn Kinder lernen durch Nachahmung. Wenn wir z.B. unseren Körper und den anderer Menschen (z.B.) jedes Mal wüst mit „Fette Kuh!“ oder „Faule Dicksau“ beschimpfen – d.h. wenn wir unseren mehrgewichtigen Körper abwerten, dann wird ein Kind wohl ein Teil seines Lebens mehr oder weniger intensiv damit verbringen müssen, diese Konnotation zu „verlernen“.

Wir erleben, dass vor allem viele Frauen und Mütter (das mag aber auch daran liegen, dass das unsere Zielgruppe ist) mit ihrem Körper hadern. Was ist deine These: Woran liegt das?

Wie gesagt, es wurde sehr viel Zeit und Energie dafür aufgewendet, uns Frauen zu vermitteln unseren eigenen Körper zu hassen. Welche Frau – egal wie dick oder schlank – hätte nicht gerne die berüchtigten fünf Kilo mehr oder weniger. Das bedeutet auch, wir fühlen uns immer gerade so nicht gut genug. Das ist so unglaublich paradox – gerade wenn ich mir das unglaubliche Potential einer Frau anschaue. Wir erschaffen Leben, nachdem wir vorher kursiert haben, welche Samenzelle das Zeug dazu hat. Wenn wir damit fertig sind, öffnen wir diesem Leben durch unsere äusserste Anstrengung das Portal in diese Welt, beschützen es, nähren es und stellen so gut es geht sicher, dass es auf lange Sicht auch eine Chance auf Überleben hat. Das ALLES regelt unser Körper – meist ohne dass wir darüber aktiv nachdenken müssen. Seit ich das für mich verstanden habe, probiere ich meine Worte mit viel mehr Bedacht zu wählen, wenn ich über meinen Körper oder auch den Körper anderer spreche.

Wie beeinflusst unser Selbstbild unsere Kinder? Und ab welchem Punkt würdest du sagen: Bitte sprecht das nicht laut aus bzw. ändert euer Denken!

Wie wir uns sehen, ist, wie die Kinder lernen sich selbst zu sehen. Das kennen wir selbst. Wenn wir in ein Magazin schauen, und dort wieder einmal die Figur einer prominenten Frau abwertend kommentiert wird, die im Urlaub mit ihren Kindern in entspannter Pose ihren Pasta-gefüllten Bauch raushängen lässt, dann schauen wir an uns runter, sehen unsere Gürtelschnalle nicht mehr und denken: „Wenn diese fantastisch schöne Frau da schon dick ist, was bin ICH denn dann?“ Für unsere Kinder sind wir meist genauso eine fantastisch schöne Frau. Eine, die alles kann, die super kocht, immer da ist, toll Auto fährt, perfekt Unterhosen bügeln kann, megaschöne Geburtstagstorten backt und immer da ist, wenn man sie braucht. Aber statt uns selbst dafür mal ein bisschen mitzufeiern, holen wir den Fehlerstift raus und setzen ihn gefühlt überall einmal an, wo das Kind nicht schnell genug hinkommt.

Ich glaube: We should not dim our light like that! Für unsere Kinder sind wir wie die Sonne. Sie wenden sich uns zu, wann auch immer sie das Bedürfnis nach Licht haben.
Wie wunderbar wäre es für sie, wenn sie uns – wenn es so weit ist – an einem wolkenfreien Tag erwischen?

Wie können denn wir lernen, uns selbst anzunehmen?

In meinem Buch „#selbstwert – die Happiness-Connection“ habe ich eine Challenge, in der es darum geht, Selbstannahme zu üben. Es ist die #nakedattractionchallenge und sie geht zusammengefasst so: sich mit etwas Zeit nackt vor einen grossen Spiegel stellen und sich selbst laut erzählen, was man alles gut an sich selbst findet, z.B. „Danke, Beine, dass ihr mich tragt.“ „Ich finde das Muttermal an meinem Schlüsselbein macht mich echt interessant.“ usw. Wer sich nackt gar nicht wohl fühlt kann auch erstmal anfangen das in seinen Lieblingsklamotten zu tun und sich langsam über den Bikini an seinen nackten Körper heranzutasten. Ich finde sogar, dass das Ganze auch gut mit dem morgendlichen ungeschminkten Gesicht geht.

Und wie starten wir den Weg der Veränderung, wenn wir ihn gehen möchten?

Unser Körper macht uns angreifbar, das ist wahr. Doch ist es auch unser Körper, der uns überhaupt erst greifbar macht. Er gibt unserem Geist eine Form und lässt sich im Umkehrschluss auch von unserem Geist formen. Der Anfang ist, wie ich finde eine unbiased mitfühlende Einstellung unserem Körper gegenüber. In der Realität manifestiert sich das dann auf ganz verschiedene Arten und Weisen. Für mich war es wichtig, mir Pausen (auch Workout-Pausen) zu gönnen und erstmal alles zu essen, worauf ich Hunger hatte.

Generell glaube ich, dass wir den Bedürfnissen unseres eigenen Körpers genauso viel Beachtung schenken sollten, wie z.B. den Bedürfnissen unseres Kindes/unserer Kinder. Ausreichend Essen, Schlaf, Pausen, Aktivität, etc. Das alles gehört dazu.

Du hast ja ein wundervolles Buch zum Thema geschrieben: Was ist die Happiness-Connection genau? Und welche Milka-Insider bzw. -Challenges bekommen wir darin von dir?

Eine habt ihr ja jetzt schon. Jetzt habe ich gerade aber noch extra für euch eine Karte aus dem Kartenset gezogen, das seit Ende 2021 auch auf dem Markt ist.
Eine perfekte Ergänzung z.B. für den Office-Schreibtisch: Es ist die #lookupchallenge.

#lookupchallenge

Dauer: 15 Minuten

How To:

  1. Rausgehen.
  2. Werde zum Teilzeit-Hans-Guck-in-die-Luft und betrachte den Himmel.
  3. Nimm dir etwas Zeit dafür
  4. Mach gerne ein Foto davon.


Luftgucken


Ziel: Die meisten unserer Alltagsaktivitäten machen aus uns wandelnde Fragezeichen. Beispielsweise die Position, mit der wir auf unser Mobiltelefon starren. Wenn du dir die Zeit nimmst, den Himmel zu betrachten, ist das aber nicht nur gut für deine Körperhaltung. Es entstresst und hilft, deine Gedanken und Gefühle wieder ins rechte Licht zu rücken. Irgendwann wirst du spüren, dass das, was Himmel und Erde verbindet, DU bist. Ein Riesen-Selbst-Bewusstseins-Boost!

Lieben Dank für deine wertvollen Impulse, liebe Milka!

Milka, die auch auf Instagram zu finden ist, beschreibt es so schön: Für unsere Kinder sind wir die Sonne. Das stimmt, denn an so Tagen, an denen ich, Kerstin, mich echt scheisse gefunden habe, mit mir haderte, weil meine Haare zu struppig, meine Sommersprossen zu sprossig waren und mein Bauch zu prämenstruell aufgedunsen war, kam garantiert eins meiner Kinder mit einem Kompliment um die Ecke:


KerstinLueking

Kerstin Lüking, Hebamme und Expertin von MutterKutter (© Anne Seliger)


Manchmal ist man sich selbst die grösste Kritikerin

„Mama, du siehst so weich und gemütlich aus“. Ja, dachte ich. Weich vor lauter eingelagertem Wasser und gemütlich, weil gerade träge vor lauter schlechter Laune. Warum aber war ich eigentlich meine eigene grösste Kritikerin? Weil das Leben als berufstätige Mutter nun einfach mal furchtbar anstrengend ist und weil wir uns in der Regel nicht die Zeit nehmen, um Selbstfürsorge zu betreiben. Das hat mich am Ende einfach unzufrieden gemacht. Mein Leben in aller Hinsicht zu entrümpeln, hat mich befreit. Selbstauferlegte Zwänge wie: „Wenn wir am Abend ins Bett gehen, ist hier alles aufgeräumt“, habe ich ad acta gelegt. Energievampir*innen mussten leider mein Leben verlassen und auch beruflich habe ich mich neu sortiert. Meine selbstauferlegte “Challenge“ Michelle Obama-Oberarme zu bekommen, ist kläglich gescheitert. Was aber geblieben ist, ist die Begeisterung, regelmässig Sport zu treiben. Durch mehr Zeit für mich, ist meine Akzeptanz mir gegenüber wieder gewachsen. Sie ist so gewachsen, dass ich mich mittlerweile wieder sehr gut leiden kann. Wenn ich heute in den Spiegel schaue, denke ich: Ja, Du gefällst mir und ich finde Dich hübsch. Ein neues Selbstbewusstsein ist da, das ich vor zehn Jahren noch nicht hatte. Es lässt mich heute gerade durchs Leben gehen und das fühlt sich verdammt gut an. Und der beste Nebeneffekt: Ich bin selbstbewusster und stärker geworden – diese Stärke nehme ich mit, um anderen Frauen mit meiner Arbeit Kraft zu geben, meine Stimme zu erheben und so auch Denkprozesse mit anzuschieben. Denn es ist Zeit, dass wir Mütter dem Patriarchat in den Hintern treten und Themen, wie Mental Load bearbeiten. Sodass wir irgendwann gesellschaftlich dort sind, dass wir nicht mehr über Gleichberechtigung reden, sondern sie in den Familien, der Politik, und den Jobs leben! Ein grosses Puzzleteil dafür ist für Doro und mich, dass wir uns selbst sehen und unseren Wert kennen!