MutterKutter
vor einer Woche
MutterKutter

Der Tod eines Elternteils

„Mama ist tot. Und jetzt?“ – der Buchtitel der MutterKutter-Autorin Anna Funck drückt genau das aus, was viele von uns fühlen, wenn die eigenen Eltern sterben: Ratlosigkeit, Traurigkeit, Verzweiflung! Was können wir tun, wenn wir uns hilflos fühlen? Im neuen Magazin-Beitrag warten hilfreiche Tipps für Trauernde, mit tiefen Einblicken in das Gefühlsleben rund um das Thema Tod, von Anna Funck und Hebamme Kerstin Lüking.


Ich, Kerstin, gebe es zu! Ich bin eine absolute Verdrückerin, wenn es um das Thema Tod geht. Nun müsste man meinen, dass doch gerade ich als Hebamme jemand sei, der sich sowohl mit dem Lebensanfang, als auch mit dem Lebensende perfekt auskennt und mit einer gewissen Lockerheit und Professionalität an die Sache herangeht. Nein, so ist es bei mir nicht.


Das Thema Tod ist mir schon immer schwergefallen!


Es ist mir schon immer schwer gefallen. Und wenn ich hinterfrage, warum das so ist, liegt die Ursache wohl darin, dass dieses Thema in unserer Familie immer irgendwie hintenübergefallen ist. Als meine Grosseltern starben, bin ich als Kind zwar darüber informiert worden, dennoch war ich bei den Beerdigungen nie dabei. Ich glaube, meine Eltern wollten mich vor etwas schützen. Ich kann es ihnen, rückblickend betrachtet, überhaupt nicht übel nehmen, denn eigentlich wollten sie nur etwas Gutes für mich. Leider nur ist diese Rücksichtnahme ein „Schuss in den Ofen“ gewesen. Denn die Vermeidungsstrategie, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, hat mich ein Leben lang begleitet.


Als mein Vater starb, konnte ich mich dem Thema annehmen.


Ich erinnere mich noch an mein Studium und meine ersten Vorlesungen in der Rechtsmedizin. Es war für mich die absolute Qual. Ich war immer diejenige, der nach dreissig Minuten eingefallen ist, dass sie eigentlich noch etwas anderes zu tun hatte. Somit musste ich zufälligerweise immer früher gehen. Wer war als erstes wieder draussen, als ich innerhalb meiner Ausbildung zur Hebamme einem Sezier-Kurs der Berliner Charité beiwohnen musste? Ich, natürlich!

Doro und Kerstin von MutterKutter

Dorothee Dahinden und Kerstin Lüking, Mütter und Expertinnen von MutterKutter (© Anne Seliger)



Meine Kinder waren in den Trauerprozess involviert


Erst als mein Vater starb, blieb mir nichts anderes übrig, als mich doch intensiver damit auseinanderzusetzen. Es war ein Tod, der „Scheibchenweise“ angekündigt wurde. Das hat mir die Sache erleichtert und immer wieder Pausen zum Luft holen gegeben. Als ich mit meiner Mutter beim Bestatter sass und ein recht amüsantes Gespräch über Urnen mit diesem führte, hatte ich das erste Mal keinen Fluchtgedanken. Ich habe die Beerdigung überstanden ohne wegzulaufen. Ich glaube, es ist mir auch dadurch gelungen, weil ich mich noch einmal mit dem Leben meines Vaters auseinandergesetzt habe. Ich habe „Rotz und Wasser“ geheult und dabei Fotos sortiert, die Trauerkarte und den Grabstein gestaltet und die Stelle auf dem Friedhof ausgesucht, wo die Urne beigesetzt werden sollte. Meine Kinder waren die ganze Zeit involviert. Zwei meiner Töchter haben sich noch von ihrem verstorbenen Opa verabschiedet. Ich fand das mutig. Meine Töchter fanden, dass es die normalste Sache der Welt sei.


Ich habe mit dem Tod meinen Frieden gefunden!


Als wir am Grab standen fragte mein Sohn, was wir jetzt machen wollen: Singen oder Beten. Wir haben uns fürs Singen entschieden. Es war schön, die Sonne schien auf das Grab und wir konnten uns gefasst und lachend verabschieden: „Mach‘s gut Papa, lebe wohl Opa. Wir haben Dich in unserem Herzen.“ Und während ich das schreibe, laufen mir die Tränen. Tränen der Erleichterung, endlich mit diesem Thema meinen Frieden gefunden zu haben.

Wir haben uns als Interview-Partnerin zu diesem Thema die Bestseller-Autorin und Moderatorin Anna Funck an Bord geholt, die ebenfalls Teil der MutterKutter-Crew ist. Was tun, wenn Eltern sterben? Wie geht Trauer eigentlich? Genau darüber hat Anna den Trauerratgeber „Mama ist tot. Und jetzt?“ geschrieben.

Ihre neueste Ausgabe hat Anna noch einmal um SOS-Praxistipps erweitert. Es ist eine absolute Leseempfehlung von uns für trauernde Menschen, die nicht spirituell sind und die keinen Draht zu Gott haben. Die aber dennoch wissen wollen: Wie trauert man jetzt gesund nach vorne?


„Beten und Gott sind nicht so meins, was mich richtig geärgert hat.“


Anna Funck, TV-Moderatorin und Autorin (© Anna Funck)


Liebe Anna, manchmal kommt der Tod völlig unverhofft und ohne Vorwarnung, manchmal mit einem vorhergehenden Leidensweg, der uns den Abschied auch erleichtern kann. Wie war es bei Dir? Wie hast Du den Tod Deiner Mutter verarbeiten können?

Ich war total überfordert. Da ich ja auch nicht gläubig bin, hatte ich auch kein klassisches Kirchenventil. Beten und Gott sind nicht so meins, was mich richtig geärgert hat. Leider. Diese „Hilfe“ fiel dann ja schon mal weg. Und dann kam noch der Pastor und sagte: „Machen Sie das richtig, sonst gibt es Geschwüre.“ Und ich dachte: Auweia, jetzt musst du das auch noch richtig machen und du weisst gar nicht, wie. Ich fühlte mich unter Druck und war verzweifelt.

Dann stand ich vor dem Ratgeberregal eines grossen Buchhandels und war enttäuscht: Nur religiöses, spirituelles und psychologisches Zeug. Und ich war irgendwie nichts davon. Eher pragmatisch. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mein Buch „Erleuchtung to go – Spiritualität für Anfänger“ noch nicht geschrieben. Wo war mein Buch? Ich fühlte mich auch so entrückt und hatte Sorge, dass ich nicht normal bin. Ich wollte mehr wissen über die Phasen der Trauer, wie man damit umgehen kann und ob ich mit meinen Gefühlen und dem ganzen April im Herzen „der Norm entsprach". Ja, ich weiss, wie das klingt, aber wenn man trauert, ist man so im Ausnahmezustand. Ich stand so neben mir, dass ich mir versichern musste, dass oben noch oben und unten noch unten ist.

Was sind deine Tipps für Menschen, die gerade in dieser Situation sind und völlig hilflos und durcheinander sind?

Dazu habe ich in meinem Buch eine richtige SOS-Liste hinten drin. Ich habe, beim Überarbeiten der erweiterten Neuausgabe gemerkt, dass man so etwas braucht. Am Simpelsten ist natürlich: Erstmal raus. Spazieren gehen. Dann kurbelt der Körper die Serotonin-Produktin an, ob du willst oder nicht. Und dann würde ich natürlich mein Buch empfehlen. Sich einen Trauer-Buddy suchen. Das kann ein*e Freund*in sein, aber auch jemand völlig fremdes wie ein*e Mitarbeiter*in eines Trauerhauses.


„Ich habe mit unserer Blumenhändlerin geweint, mit einem Bestatter, dem Pastor, jedem, der dabei war.“


Ich bin auch mit Taschentuchpackungen zu meinen Lesungen und habe mit den ersten drei Reihen geweint. Es war schön und befreiend. Und wenn man schon etwas weiter in der Trauer ist, kann es gut tun, Fotos zu rahmen, Erinnerungen rauszukramen, vielleicht einen kleinen Schrein zu bauen. Der muss ja nicht für jeden erkennbar sein, aber Rituale tun gut. Es muss ja nicht jeder wissen, dass die Kerze auf dem Tisch für einen Verstorbenen brennt. Trauer kann man teilen, muss man aber nicht. Eine Pause davon sollte man sich auch gönnen. Auch lachen ist erlaubt. Fühlt sich komisch an, aber welcher Verstorbene hätte gewollt, dass wir lebenslang 24/7 traurig sind? Eben.


Verschiedene Phasen der Trauer


Jeder Mensch verarbeitet seine Trauer anders und braucht auch unterschiedlich viel Zeit dazu. Kannst du einen ungefähren Ablauf eines Trauer-Prozesses beschreiben, der für die Person, die trauert, ein wenig Licht am Horizont aufzeigen lässt?

Ja, das fand ich sehr spannend. Es gibt Phasen, die man durchläuft. Man liest sie sogar deutlich raus in meinen Kapiteln. Da gibt es zum Beispiel das "Wut-Kapitel“, das mit dem Satz endet: „Und jetzt klapp das Buch zu. Gibt keinen Nachschlag.“ Ich habe es voller Wut geschrieben und heute schreiben mir viele Leser und Leserinnen, wie gut es sich anfühlt diese Zeilen zu lesen. Oder das Kapitel über die Wut auf die pietätlosen Mitmenschen. Davon gibt’s nämlich jede Menge, wenn jemand stirbt. Klar, die wissen es nicht besser und sind hilflos, aber sie lassen die Wut spriessen wie kleine Pflänzchen. Es ist verrückt. Und dann spürst du eines Tages: Ich bin ein Stück weiter in der Trauer. Übrigens, um die Frage ganz sachlich zu beantworten: Es gibt erst die Phase des "Nicht-Wahrhaben-Wollens", dann kommt der "Emotionen-Tsunami“ mit der Wut, gefolgt von Phase drei des Verhandeln, des "Suchen und Sich-Trennen", in der man sich auseinandersetzt und schliesslich Phase vier mit dem neuen Selbst- und Weltbezug. Einige Experten bauen an vierter Stelle noch eine Depression ein und erst dann die Akzeptanz. Das ist unterschiedlich. Die Phase können sich auch überlagern oder quasi zurückspringen. Auch das würde ich völlig normal finden.


Ich wollte die Trauer bei den Hörnern packen!


Gab es bestimmte Rituale oder auch andere Dinge, die Deinen Trauer-Prozess unterstützt haben?

Ich konfrontiere mich gerne. Ich habe die alten Tagebücher meiner Mutter gelesen, das tat mir gut. Recherchiert, was Experten raten, auch wenn ich ihre Ratgeber schrecklich fand. Die Quintessenz habe ich dann quasi gefiltert, getestet und für mich modifiziert. Darüber habe ich dann wieder in „Mama ist tot. Und jetzt?“ geschrieben, so dass jeder mit mir vorantrauern kann. Für mich war klar, ich packe die Trauer bei den Hörnern, wenn sie mich anfällt wie ein wildes Tier. Ich wollte sie ausleben, daran reifen und wieder glücklich sein können – auch für mein Kind und die, die ich mir noch gewünscht hatte. Es sind ja inzwischen drei! Mir war wichtig: Es muss nach vorne gehen! Mein Buch ist ja auch nicht traurig, man lacht auch viel und auch das muss man erstmal wieder lernen. Ich habe viele Gespräche geführt, die mich vorangebracht haben, die meine Leser mit mir zusammen erleben können.


MaedchenBank

Kerstin Lüking, Hebamme und Expertin von MutterKutter (© Anne Seliger)


Wie seid Ihr als Familie mit dem Tod Deiner Mutter umgegangen? Waren Deine Kinder zu diesem Zeitpunkt schon auf der Welt, denen Du den Verlust der Oma erklären musstest?

Meine grosse Tochter war ein super Trauerbuddy. Ich denke auch, dass Kinder viel besser trauern als Erwachsene, weil sie annehmen können, was ist. Wir hadern immer noch und zaudern und sie sehen das Schöne im Moment. Meine Tochter hat erstaunliche Dinge zu mir gesagt in den dunkelsten Stunden. Ich weiss noch, wie ich ihr sagen musste, dass Omi nicht mehr atmet. Mir graute so sehr davor und ich habe natürlich alles falsch gemacht. Psychologen raten ja dazu, dass man sagt: „Sie ist gestorben“. Und nicht so Worthülsen wie: „Sie ist nicht mehr bei uns.“ Und ich habe natürlich genau das gesagt. Und als ich fertig war, sagte mein Kind: „ Ich freue mich schon darauf, Omi bei der Beerdigung zu sehen.“ Und ich dachte: Anna, du Versagerin, sie hat es nicht verstanden. Ich habe dann zu ihr gesagt: „Aber, wir werden sie nicht sehen. Nie wieder.“ Und meine Tochter sagte: „Mama, natürlich werden wir sie sehen. Mit unseren Herzen.“ Da war ich baff.


Love is my religion!


Du sagtest, du bist nicht gläubig. Woran glaubst du?

Daran, dass wir alle mit einander verbunden sind. Love is my religion. Und die kann man problemlos überall mit hin nehmen. Meine Mutter ist immer bei mir, daran glaube ich ganz fest. Ich bin viel stärker geworden. Und wenn nur ein trauernder Mensch mein Buch liest und es ihm oder ihr danach besser geht, habe ich mein Ziel als Autorin dieses Buches erreicht. Da ich oft Mails und Nachrichten bekomme, die mich zu Tränen rühren, weiss ich, dass das geklappt hat. Neulich sagte mir jemand: „Das ist das ehrlichste und liebesvollste Buch, was ich je gelesen habe.“ Und da schliesst sich der Kreis.


TrauerTipps


Tipps von MutterKutter, wie am besten mit Kindern über das Thema Trauer gesprochen werden kann:

  • Wir raten dazu, die Fragen von Kindern zu beantworten. Vielleicht nicht gleich im ersten Moment, es ist Okay zu sagen: „Ich gebe dir zeitnah eine passende Antwort“ und sich erst einmal in entsprechenden Kinderbüchern oder Ratgebern zu belesen. Denn jedes Alter braucht eine unterschiedliche Ansprache. Dennoch raten wir dazu, mit dem Kind ehrlich zu sein und es darauf vorzubereiten, dass der Mensch, um den es sich dreht, bald – in dieser Form – nicht mehr da sein wird.
  • Wir hören immer wieder von Eltern, die „nur“ heimlich weinen. Wir glauben, dass es wichtig ist, die eigenen Gefühle zu zeigen. Kinder spüren viel und wissen meistens eh, dass was los ist. Dazu sind sie meistens stärker, als wir vielleicht annehmen.
  • Geben Sie Ihrem Kind die Chance, sich zu verabschieden und nehmen Sie es auch mit auf die Beerdigung, wenn das Alter es zulässt.
  • Ein Ritual ist eine tolle Möglichkeit zur Trauerbewältigung. Bei Kerstin hat zum Beispiel jedes Kind einen Wunsch auf einen Aufkleber geschrieben und diesen jeweils auf die Urne geklebt.
  • Scheuen Sie sich nicht davor, professionelle Hilfe zu suchen, wenn Sie merken, dass Sie oder Ihr Kind hier alleine nicht rauskommen. Fragen Sie im Zweifel Ihre*n Hausarzt*ärztin nach einer passenden Anlaufstelle. Auch Kirchen bieten beispielsweise Hilfe an.

Hier finden Sie Hilfe:

Hilfe für verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V.:
veid.de