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MutterKutter
vor einer Woche
MutterKutter

Streitende Geschwister

Du bist nicht mehr meine Schwester!“ – RUMMS! Da fliegt auch schon die erste Kinderzimmertür zu. In 99 Prozent aller Fälle danach auch die zweite. Manchmal fällt dann auch das Bild im Flur von der Wand. BOING! Momente, in denen ich, Doro, erstmal erstaunt bin, dass zarte Kinderarme so viel Kawumms in den Armen haben. Und mich dann frage: Geht es bitte, bitte auch entspannter? Müssen denn diese Wörter wirklich durch die Zimmer fliegen? Ich rufe dann gerne mal: „Könntet ihr bitte nett zueinander sein und Wörter, wie „Kackliese“ und Co. bitte streichen?“ Wohlwissend, dass es nicht des Rätsels Lösung ist, müde zu rufen. Auch wohlwissend, dass Kraftausdrücke beim Autofahren zu meinem Repertoire gehören und ich wohl die beste Lehrmeisterin des Fluchens bin.

Oft versuche ich, den Streit erst einmal zu veratmen. Und warte ab. In meinem Kopf rödeln dann Gedanken wie: „Doro, Streit ist normal. An Streit wachsen sie. Halt dich raus. Die schaffen das schon!“ – aber wenn die Geräuschkulisse zu krass wird, dann kann ich mir zehn Mal wünschen, Mama Buddha zu sein und das Ganze meditativ an mir vorbeiziehen zu lassen. Das funktioniert meistens nicht. Dann schaltet auch mein System auf Alarm. Ich versuche dann zu schlichten, gemeinsam Lösungen zu finden. Frage nach Gründen des Streits. Und habe im Zweifel auch eine Schweissperle auf der Stirn. Das Lustige ist: Nach 15 Minuten ist meistens Ruhe eingekehrt. Der Sturm ist vorüber und die Geschwister haben sich einfach total lieb, spielen toll miteinander. So nach dem Motto: War was? Ich frage mich: „Hätte ich nun wirklich einschreiten sollen?” Eine Frage, die ich auch Danielle Graf gestellt habe. Sie kennen sie bestimmt! Danielle betreibt gemeinsam mit Katja Seide den Erfolgsblog „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“. Sie haben in Social Media viele Fans. Ihre Ratgeber-Bücher sind allesamt Bestseller und wurden in zig Länger übersetzt. Wir freuen uns, dass die wunderbare Danielle für ein Interview zum Thema Geschwisterstreit an Bord gekommen ist. Geschwister – übrigens ein Thema, dem sie ein ganzes Buch gewidmet haben.

Danielle Graf

Danielle Graf, Bloggerin und Bestseller-Autorin (© Mark Garner)

Liebe Danielle, warum habt ihr beiden Erfolgsautorinnen damals entschieden: „Wir schreiben ein Geschwisterbuch”? Wie hoch war der Bedarf an geeigneter Literatur für Eltern aus eurer Sicht?

Es gab zwar schon einige Geschwisterbücher auf dem Markt, die wir auch gelesen haben, aber am Ende blieben wir etwas ratlos mit der Frage zurück, was wir denn konkret tun können, um unsere Kinder zu unterstützen, eine liebevolle Beziehung zueinander aufzubauen. Offen blieb bei uns vor allem die Frage, warum Kinder so viel streiten und wie wir den Streit gerecht und bedürfnis- und beziehungsorientiert begleiten können. Ausserdem hatten wir beide prägende nachgeburtliche Geschwisterkrisen erlebt. Über dieses Thema wurde nirgends ausführlich geschrieben, dabei war der Artikel in unserem Blog darüber einer der am meisten gelesenen überhaupt. Offenbar gibt es viele Kinder, deren Verhalten sich nach der Geburt eines Geschwisterchens auffällig ändert. Daher war es uns sehr wichtig, in unserem Buch ausführlich darauf einzugehen, wie wir diese sensible Phase begleiten können.

Was finden wir in eurem Buch? Welche Infos und Tipps gibt es?

Neben der nachgeburtlichen Geschwisterkrise ist ein wichtiges Thema, wie wir unsere Kinder nach der Geburt einbinden können und was wichtig ist, damit die Kinder sich kennenlernen und erste liebevolle geschwisterliche Zuneigung entwickeln. Es geht ausserdem darum, wie wir im Laufe der Jahre helfen können, diese Zuneigung zu erhalten. Wir beschäftigen uns ausführlich mit den Arten von Streiten und der Frage, wann man wie eingreifen soll. Denn Streitereien können ganz verschiedene Ursachen haben. Wir sollten immer ergründen, worum es wirklich geht – ob um die elterliche Aufmerksamkeit, Besitz, das Gefühl von Benachteiligung oder aus dem Altersunterschied resultierende Probleme.

Je nach Grund des Streites können ganz unterschiedliche Reaktionen ratsam sein. Wichtig war uns auch zu zeigen, wie unsere eigene Kindheit uns beeinflusst und wie wir vermeiden, dass sie uns ungünstig reagieren lässt. Eltern fällt es manchmal sehr schwer, einen Streit neutral zu begleiten. Sie haben bereits in der eigenen Kindheit Erfahrungen mit Streiten gemacht und können sich als grosse Schwester womöglich viel besser in die Rolle ihrer eigenen Tochter als in die des kleinen Bruders einfühlen. Mancher Streit wird auch von elterlichen Ängsten begleitet oder man irrt sich über die Gründe des Verhaltens der Kinder. Ausserdem können wir dazu neigen, das kleinere Kind zu beschützen oder bevorzugen vielleicht unterbewusst ein bestimmtes Kind. Deswegen war uns wichtig, in unserem Buch zu zeigen, welche Umstände Einfluss auf unsere Neutralität haben. Sind wir uns bestimmter Dinge erst einmal bewusst, gelingt es uns viel besser, neutraler zu bleiben.


Streit ist wichtig – richtig streiten noch wichtiger

Wie normal ist denn Geschwisterstreit? Und auch: Wie oft und wie heftig?

So anstrengend Streit für uns Eltern ist, er hat eine wichtige Funktion. Geschwister lernen in einem geschützten Umfeld soziale Konflikte auszutragen. Diese Fähigkeit können sie nicht ausreichend entwickeln, wenn wir Streit möglichst unterbinden wollen. Wichtig ist, dass Kinder lernen, Konflikte fair miteinander auszutragen. Um das zu Üben müssen sie vor allem eins tun: Streiten! Unsere Aufgabe ist es also nicht, Streit möglichst zu vermeiden, sondern unterstützend zur Seite zu stehen, damit Kinder eine konstruktive Streitkultur entwickeln. Kurzum: Geschwisterstreit ist vollkommen normal. Kinder lernen dabei die Grenzen ihres Handelns kennen. Denn vielleicht ist es leicht, die kleine Schwester in Grund und Boden zu diskutieren, um den eigenen Wunsch durchzusetzen, es kann aber sein, dass sie bemerkt, dass sie übervorteilt wurde, und zu weinen anfängt. Die Erkenntnis, dass man zu weit gegangen ist und Trauer oder Wut bei einem anderen ausgelöst hat, ist verdammt wichtig. Daraufhin einen Schritt zurückzugehen und der Kleinen vielleicht doch den Vortritt zu lassen oder zumindest einen Kompromiss zu finden ist sogar noch wichtiger. Diese Streitereien ermöglichen unseren Kindern also, herauszufinden, wo die Grenzen des sozialen Miteinanders verlaufen, und sich durchzusetzen, ohne grossen Schaden anzurichten. Und dabei werden durch heftige Streite manchmal Grenzen überschritten. Da sie aber im geschützten Familienrahmen stattfinden, wird in der Regel kein dauerhafter Schaden angerichtet.

Was lernen unsere Kinder denn beim Streiten?

Beim Streiten über Entscheidungen und Wünsche formt sich der moralische und soziale Kompass unserer Kinder. Es schärft ausserdem ihr Persönlichkeitsprofil. Die Erfahrungen, Einstellungen, Gefühle, Denkmuster und Handlungsstrategien, die unsere Kinder im Umgang mit ihren Geschwistern über Jahre erwerben und entwickeln, werden zum Grundmuster für den Umgang mit Menschen ausserhalb der Familie. Es ist deshalb richtig und wichtig, dass die Kinder jede aufkommende Möglichkeit nutzen, um zu streiten. Die Dispute helfen dabei, eigene Vorlieben, Geschmäcker und Individualität zu entwickeln und voneinander abzugrenzen. Ausserdem werden durch das Erleben der Gefühle und Reaktionen von anderen im präfrontalen Cortex, dem Teil unseres Gehirns, das für unsere Impulskontrolle zuständig ist, Referenzsituationen abgespeichert. So kann unsere Kontrollschleife besser entscheiden, ob in einer späteren, ähnlichen Situation, Impulse gezügelt werden sollten (anderen den Vortritt lassen) oder nicht (eigene Wünsche durchsetzen). Eine wichtige Grundlage für soziales, empathisches Verhalten.



Was hilft?

Sollten wir denn überhaupt einschreiten? Ich, Doro, rufe gerne mal ein "könnt ihr lieb zueinander sein" nach oben...Oder andersrum: Ab wann sollten wir einschreiten?

Ich vermute mal, dass dein Ruf in der Regel nicht hilft. Er drückt zwar Deinen Wunsch nach Harmonie aus, aber Deine Kinder haben in diesem Moment einen Konflikt, der ausgetragen werden soll und sie können eben gerade genau das nicht: lieb zueinander sein. Es ist wichtig, unterscheiden zu lernen, welche Art Streit deine Kinder gerade miteinander haben. Es gibt Streite, die sehr wichtig sind, um soziales Miteinander zu lernen und zu erkennen, wann man zu weit gegangen ist, oder wenn man den anderen mit Worten oder Taten verletzt hat. Da wäre es kontraproduktiv, einzugreifen, denn dann würden wir unseren Kindern diese Lernchance nehmen. Pauschal kann man das also gar nicht sagen. Wir haben im Buch viele, viele Seiten dem Thema Streit gewidmet – worum sich der Streit dreht, was wirklich dahintersteckt und wie Eltern reagieren sollten. Wir haben ein Fliessdiagramm erstellt, an welchem Eltern innerhalb von Minuten abchecken können, ob sie eingreifen müssen, oder nicht.

Um Streit pädagogisch wertvoll begleiten zu können, sollten wir im Moment des Konflikts genug Kraft haben. Sind wir gerade genervt, in Eile oder selbst angespannt, können wir überlegen, ob wir es aushalten, den Streit unbegleitet laufen zu lassen. Ist dein eigenes Stresslevel zu hoch, ist es eher sinnvoll, einzugreifen, die Kinder zu trennen und den Streit später ausfechten zu lassen. Immer eingreifen sollten wir, wenn eine essentiell wichtige Familienleitlinie übertreten wurde, ein Kind wehrlos oder verletzlich ist, sehr viel Energie aufwenden muss, um sich zu schützen oder natürlich in Gefahr ist. Wenn all diese Dinge nicht zutreffen, dann kannst Du den Streit erst einmal laufen lassen und den Kindern die Möglichkeit geben, sich auf sozial-emotionaler Ebene weiter zu entwickeln. Solange kein Blut fliesst und die Kinder körperlich und verbal ebenbürtig sind, kann man sie ruhig streiten lassen.


KerstinLueking

Kerstin, unsere Expertin von MutterKutter (© Anne Seliger)

Übrigens, Danielle und Katja haben auch ein Geschwisterbuch speziell für kleine Kinder. Ein Bilderbuch - total toll!

Ein Leben mit Teenager-Geschwistern stellt sich nochmal als besondere Herausforderung heraus, für die wir als Eltern Nerven aus Stahl benötigen. „Wo ist Mama?“, brüllt es mir, Kerstin, häufiger in einem energischen Tonfall um die Ohren, bis mir der Rest der Nachricht in hochfrequenter Tonlage entgegen geschmettert wird. „Greta war schon wieder an meinem Kleiderschrank und hat sich an meinen Sachen bedient. Sag ihr, dass das nicht geht!“ Danach motzender Bühnenabgang.

Als Eltern auch mal stur bleiben

Mittlerweile bleibe ich gelassen und verweise stur darauf, dass ich die falsche Empfänger-Person für diese Nachrichten bin. Denn auch das war ebenfalls eine Empfehlung von Danielle an uns, nur dann einzugreifen, wenn sich die Geschwister untereinander tätlich angreifen. Und in den meisten Fällen geht es bei uns tatsächlich nur um gemopste Kleidungsstücke, die in der Regel mit Teenager-Schweissgeruch irgendwo wieder auftauchen. Ich bin diesbezüglich also aus dieser Diskussion raus und lasse meine Kinder den „Kampf“ alleine ausfechten. Ich rede mir dabei ein, dass dies wohl alles für einen guten Zweck sein wird, da meine Kinder später eine extrem stark ausgebaute Sozialkompetenz haben werden. Wird also ein späterer Vorgesetzter oder Kollege mal mürrisch, erhoffe ich mir einen eindeutigen Vorteil für meine Kinder, die schon 18 Jahre zuvor durch eine harte Geschwister-Zoff-Schule gehen mussten. Aber nicht nur Streit dominiert unseren Familien-Alltag, sondern auch Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefüge. Nach einem Fahrrad-Unfall kümmerte sich der grosse Bruder sehr liebevoll um den kleinen Bruder, der Huckepack durch die Wohnung vom Bett zum Klo und dann zum Fernseher getragen wurde. Dort wartete dann schon ein Teller mit geschmierten Broten auf den Verletzten und eine Wärmflasche. Auch die Schwestern sind füreinander da, wenn Tränen um verflossene Freundschaften geweint werden: „Mama, jetzt nicht da reingehen! Wir müssen noch was unter uns besprechen.“ Aha, also Zugang verboten für die Frau, die mit Kraft und Mühe diese Kinder auf die Welt gepresst hat. Es sind Momente, in denen ich weiss, es ist alles gut. Sie werden sich schon verstehen und füreinander da sein. Ein Leben lang. Ein Gefühl, von dem ich als Einzelkind nur träumen kann.